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  • Andrea Allihn

Wir brauchen eine Kommunikationswende

Ich hatte meine Freundin lange nicht mehr gesehen. Seit unserem Treffen beschäftigt mich unser Gespräch und ich versuche für mich herauszufinden, was mit ihr und in ihrer Familie passiert ist.


Aber von Anfang an.


Auf die übliche Eingangsfrage bei unserem gemeinsamen Abendessen, wie es ihr geht, antwortet meine Freundin, dass sie verunsichert ist, nicht mehr wirklich weiß, wer sie ist, wo sie im Leben steht und wie es weitergehen soll, beruflich wie privat. Totale Verwirrung!

Sie ist verheiratet und Mutter von zwei jugendlichen Kindern. Die Familie ist gerade in ein neues Haus gezogen. Beruflich ist gerade etwas zu Ende gegangen, was sie aber nicht bedauert – es war eh nicht wirklich ihres! Also alles gut, möchte man meinen.


Wir alle haben in den vergangenen zwei Corona-Jahren viel an Erfahrungen gewonnen, Wissen angesammelt und uns an der einen oder anderen Stelle auch verändert. Corona hat also in vielerlei Hinsicht mit uns etwas gemacht. Und schon steht die nächste Herausforderung durch einen Krieg in unserer Nähe an, der uns nicht mehr unsere gewohnte und wohlstandsverwöhnte Strategie der Ignoranz und Verdrängung (…ist ja so weit weg und betrifft mich nicht wirklich…) fahren lässt. Die Auswirkungen dessen, was im Außen passiert, sind unmittelbar spürbar. Sie machen uns Angst, verunsichern uns und lassen unseren bisherigen Lebenskompass verrückt spielen. Wir steuern orientierungslos durchs Leben und saugen alles an Informationen und Wissen auf, was uns die Medien anbieten, nur um wieder Sicherheit und Kontrolle zu erlangen. Nur gibt es da ein Problem. Im Zustand der Angst gelingt es unserem Gehirn über den präfrontalen Cortex nur mehr sehr unzureichend unser Verhalten zu analysieren und zu überwachen. Wir denken, sprechen und handeln unvernünftig, obwohl unser erweiterter Wissensstand anderes zuließe.


Und dies bringt mich wieder zurück zu meiner Freundin und ihrer Familie.


Sie kann und will es nicht verstehen, dass ihre Eltern (beide Hochrisikopatienten) sich gegen eine Impfung entschieden haben. Noch schlimmer – ihrer Bewertung nach, entwickelten beide eine politisch extreme Position (Reichsbürgerschaft). Das Ergebnis ist eine polarisierte Familienstruktur, eine Atmosphäre der Sprachlosigkeit und Schuldzuweisung. Die Fronten sind verhärtet, weil jeder in seinem Zustand der Angst, aber auch in dem alleinigen Anspruch auf die Wahrheit, gefangen ist. Die Tochter steckt in der Angst um ihre Eltern (kein Kontakt, weil sie befürchtet sie anzustecken) fest, ihrem Gefühl des Isoliert Seins und der Hilflosigkeit eine Lösung zu finden. Die Eltern haben sich von ihrer Angst vor der Impfung vereinnahmen lassen und der daraus resultierenden Aggression gegenüber den politisch Verantwortlichen. Alle Beteiligten fühlen sich in ihrer Autonomie eingeschränkt und dies ist oft Quelle von Widerstand. Es herrscht Unverständnis auf beiden Seiten über die UNVERNUNFT und Unnachgiebigkeit des anderen und die Blindheit gegenüber der vermeintlichen Wahrheit. Jeder glaubt sich gut auszukennen, tut es aber nicht wirklich.


Was hier im Mikrokosmos „Familie“ passiert ist, spiegelt sich eins zu eins im Makrokosmos „Gesellschaft“ wider. Angst, Unvernunft, mangelndes Vertrauen und Gelassenheit, Aggression und Schuldzuweisung mit dem Anspruch auf Wahrheit prägen unser momentanes Zusammenleben. Jeder ist zu einer subjektiven Moralinstanz mutiert.


Wie können wir da wieder rauskommen? Wie können wir in diesen turbulenten Zeiten Brücken zu unseren völlig auseinander gedrifteten Kommunikationsinseln bauen?


Ein Versuch der (Er)klärung.


Wir sind eine Wissensgesellschaft.

Ob wir wollen oder nicht - wir werden täglich aus sämtlichen Kanälen mit Informationen überschüttet, die wir nicht zuordnen können (Achtung: Reizüberflutung! Ich empfehle regelmäßige Medienabstinenz).Die Wissenschaft ist ein fixer Bestandteil der Politik bzw. Öffentlichkeit geworden und hat mehr denn je die Kraft, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Warum erreicht sie dann mit ihren mehrfach überprüften Informationen und ihren wertneutralen Erkenntnissen die Eltern meiner Freundin nicht?


Wissenschaftler appellieren an unser Vernunftsdenken.

In dem Angstzustand ist es daher folgerichtig, dass Menschen diese Botschaft nicht hören bzw. verarbeiten können, um ihr Verhalten an die äußeren Bedingungen anzupassen. Wir glauben in solchen Situationen eher an vertrautes, im Gehirn schon angelegtes Wissen, denn völlig Neues verunsichert uns. Wir finden keine neuronale Korrelation, an der wir das Neue abgleichen können. Die Folge ist, dass jeder seinen Wissensspeicher mit subjektiv unterschiedlich wahrgenommen bzw. gehörten Informationen füttert, obwohl alle die sachlich identischen Informationen erhalten haben. Wir hören also nur das, was wir hören wollen und bilden uns dann unsere Meinung.

Versuchen wir jetzt den jeweiligen Kommunikationspartner, in bester Absicht (er/sie muss es doch endlich kapieren!), durch noch mehr Wissen und vernünftigen Argumenten von der eigenen Meinung zu überzeugen, verstärken wir paradoxerweise den Dissens. Die Gräben des Unverständnisses werden immer tiefer.

Unbewusst wird auch zwischen den Zeilen nonverbal eine Botschaft ausgesendet: „Ich weiß alles und du bist der Ahnungslose!“ Es findet kein Austausch auf Augenhöhe statt, was die Ablehnung des anderen weiter erhöht.

Hinzu kommt, dass das in uns allen tief verankerte Bedürfnis der Zugehörigkeit unsere Urteile und Ansichten nicht auf Grundlagen von Fakten sich bilden lassen, sondern wir uns eher an dem sozialen Umfeld, religiösen Überzeugungen oder dem eigenen Moralkodex orientieren.


Nach dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun gibt es vier Kommunikationsebenen:

- Die Sachebene

- Die Beziehungsebene

- Die Selbstoffenbarungsebene

- Die Appellebene

-

Vereinfacht ausgedrückt, gibt es einen Sender (Wissenschaft) und einen Empfänger (Bürger).


Auf der Sachebene vermittelt der Sender Daten, Fakten und Sachverhalte. Aufgaben des Senders sind Klarheit und Verständlichkeit des Ausdrucks. Mit dem „Sach-Ohr“ prüft der Empfänger die Nachricht mit den Kriterien der Wahrheit (wahr/unwahr), der Relevanz (von Belang/belanglos) und der Hinlänglichkeit (ausreichend/ergänzungsbedürftig)“. https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell


Hier liegt eine der Ursachen für misslungene Kommunikation.

Der Empfänger kann nicht wirklich mit seinem „Sach-Ohr“ nach o.g. Kriterien die Nachricht prüfen, weil ihm die Expertise fehlt. Er hat kein Erfahrungswissen darüber, also unbekanntes Terrain, also Verunsicherung und Zweifel, also Flucht in die schnelle, emotionale Informationsbearbeitung (somatische Marker).Vernunft? Fehlanzeige!

Komplex und schwierig wird es dann auch, weil sich an die Seite des wissenschaftlichen Senders ein zweiter, nämlich die Politik, gesellt. Diese modifiziert die Erkenntnisse der Wissenschaft entsprechend ihres gesellschaftspolitischen Auftrags zu einem Appell an die Bürger.

„Mit dem Appell will der Sender den Empfänger veranlassen, etwas zu tun oder zu unterlassen. Der Versuch, Einfluss zu nehmen, kann offen oder verdeckt sein. https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell


Der Versuch der verdeckten Einflussnahme des Staates in die privaten Bereiche der Gesellschaft hinein gibt dem Bürger das GEFÜHL manipuliert zu werden. Je nach Persönlichkeitstyp wählen hier manche die Strategie der Anpassung und nicht wenige gehen in den Widerstand. Voila! Die Polarisierung – da die Guten, dort die Schlechten- beginnt sich in der Gesellschaft zu verankern und je länger dieser verängstigte und verunsicherte Zustand anhält, entwickelt er eine Eigendynamik und der „Lärm“ an den „Rändern“ wird immer lauter und radikaler (Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger). Die Ruhe und das Gleichgewicht in der Mitte treten in den Hintergrund. Es entsteht ein kommunikatives Vakuum. Konstruktiver, respektvoller und wohlwollender Austausch ist kaum mehr möglich.


Und genau so ist es in der Familie meiner Freundin.

Übertragen wir dieses Modell auf ihre familiäre Situation, kommt „Auf der Beziehungsebene zum Ausdruck, wie der Sender (Tochter) und der Empfänger (Eltern) sich zueinander verhalten und wie sie sich einschätzen. Der Sender kann – durch die Art der Formulierung, seine Körpersprache, Tonfall und anderes – Wertschätzung, Respekt, Wohlwollen, Gleichgültigkeit, Verachtung in Bezug auf den Anderen zeigen. Abhängig davon, was der Empfänger im „Beziehungs-Ohr“ wahrnimmt, fühlt er sich entweder akzeptiert oder herabgesetzt, respektiert oder bevormundet.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell


Kurzum:

Meine Freundin versuchte aus Liebe und Sorge um ihre Eltern ihnen mit Wohlwollen und Wertschätzung zu begegnen, aber das „Beziehungs-Ohr“ der Eltern erlebte ihre Worte (und die der Politik) als Bevormundung und Herabsetzung. Meine Freundin verstand die Welt bzw. ihre Eltern nicht mehr!

Um diesen schmerzvollen Konflikt einer Lösung zuzuführen, wäre es wünschenswert, dass meine Freundin, und sie ist damit stellvertretend für uns alle, mit Klarheit und Verstand das Verhalten ihrer Eltern in den Kontext ihrer eigenen Geschichte und Prägungen stellt, um zu VERSTEHEN, warum sie so denken, sprechen und handeln. Sie sollte ihnen Fragen stellen und ihnen unvoreingenommen WIRKLICH zuhören. Erst dann könnte sich das Gefühl der Bevormundung und Manipulation auflösen und es entsteht eine (Kommunikations)-Brücke zu den unterschiedlichen Lebenswelten. Aber irgendwo auf dieser Brücke tummelt sich die Angst, die beide verbindet und gleichzeitig trennt. Sich jedoch dort zu treffen, um darüber zu sprechen - über die eigene Angst und Hilflosigkeit – sie zu akzeptieren und anzunehmen, könnte den Raum für das ersehnte Gefühl der Zusammen- und Zugehörigkeit öffnen. Ein mehr an Gelassenheit wäre die Folge.


Wenn wir unsere Gesellschaft und Familien wieder zusammenführen möchten – und das wünsche ich mir von ganzem Herzen – und wir die Herausforderungen der Zukunft meistern wollen, brauchen wir eine Kommunikationswende. Weg von der Absicht den anderen überzeugen und rechthaben zu wollen, hin zu der Bereitschaft des Zuhörens und verstehen Wollens.

Für ein Gelingen ist jedoch generell eine Ambiguitätstoleranz (Toleranz der Andersartigkeit) Grundvoraussetzung.

Es muss am Ende kein Konsens entstehen, sondern die Erkenntnis da sein, dass alle erwachsenen Menschen, ja, auch die eigenen Eltern, für sich selbst verantwortlich sind. Wir sollten sie und niemand anderen entmündigen, indem wir unbewusst und unbeabsichtigt ihnen genau diese Fähigkeit zur Selbstverantwortung absprechen.

Wenn da nicht die Angst wäre!


Let`s talk about…….








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